Montag, 01.06.2026 22:48 Uhr

Gerechtigkeit beginnt,wo Unglück zur Ungerechtigkeit wird

Verantwortlicher Autor: Michael Fuchs Berlin, 26.08.2025, 17:59 Uhr
Presse-Ressort von: Michael Fuchs Berlin Bericht 6416x gelesen

Berlin [ENA] Unglück lässt sich ertragen, Ungerechtigkeit nicht. Judith N. Shklar (1928-1992) zeigte, dass politische Theorie nicht von großen Idealen leben muss, sondern von Wachsamkeit: Wer Grausamkeit und Demütigung verhindert, sorgt schon für das Mindeste an Gerechtigkeit. Ihr Kompass trennt Schicksal von Verantwortung – und macht sichtbar, wann aus Unglück, Unrecht wird. Fiat Justitia et pereat mundus.

Es gibt Biografien, die schon mit der ersten Szene wie eine These wirken. Die von Judith N. Shklar beginnt mit Flucht. 1928 in Riga geboren, Tochter einer jüdischen Familie, musste sie noch als Kind vor den Nationalsozialisten erst nach Schweden, dann über die Sowjetunion nach Kanada entkommen. Wer so früh erlebt, wie dünn die Schutzschicht von Staat und Gesellschaft sein kann, verliert den Glauben an die heilende Kraft großer Ideale. Shklar tat genau das: Sie wurde zur Philosophin der Skepsis.

An der Harvard University, wo sie später als eine der ersten Frauen eine Professur für politische Theorie innehatte, fiel sie auf, weil sie sich weigerte, das große „System“ zu entwerfen. Während andere – John Rawls etwa – Modelle der vollkommen gerechten Gesellschaft bauten, fragte Shklar nüchterner: Wie verhindern wir das Schlimmste? Ihr Kompass war nicht utopisch, sondern minimalistisch: Schutz vor Grausamkeit, vor Demütigung, vor Machtmissbrauch.

Ein Anekdötchen aus ihrer Lehre erzählt viel: Studierende, die nach den „Zielen“ des Liberalismus fragten, bekamen von Shklar keine strahlende Zukunftsvision präsentiert, sondern die trockene Antwort: „Dass Sie nicht gefoltert werden.“ Diese Lakonie war nicht Zynismus, sondern Ausdruck einer Erfahrung, die sie nie losließ: Staatliche Gewalt ist real, nicht nur ein Gedankenexperiment.

Hier setzt ihre Unterscheidung von Unglück und Ungerechtigkeit an. Unglück – Krankheit, Naturkatastrophe, das zufällige Pech des Lebens – trifft uns ohne Schuldige. Ungerechtigkeit dagegen hat Namen, Strukturen, Verantwortliche. Wenn Behörden Hilfe verzögern, wenn Institutionen Menschen im Stich lassen, dann kippt Schicksal in Schuld. Wer beides verwechselt, wer politisches Versagen als bloßes „Pech“ darstellt, verschleiert Verantwortung.

Daraus formte Shklar ihren berühmten liberalism of fear: einen Liberalismus, der keine große Utopie braucht, sondern sich mit dem Mindesten zufriedengibt – und gerade deshalb glaubwürdig ist. Gerechtigkeit, so verstand sie, ist weniger die Jagd nach dem Ideal als die ständige Wachsamkeit, dass Unrecht nicht salonfähig wird. Unglück ist Schicksal, soziale Ungerechtigkeit dagegen menschengemachte Gewalt. Judith N. Shklar betonte: Politik darf nicht zulassen, dass Benachteiligung, Armut oder Demütigung als bloßes „Pech“ erscheinen. Gerechtigkeit beginnt dort, wo wir Ungerechtigkeit benennen, Strukturen hinterfragen und uns gemeinsam gegen Willkür und Ausgrenzung wehren – nicht mit Utopien, sondern mit wacher Aufmerksamkeit.

Vielleicht liegt darin die eigentliche Modernität ihrer Philosophie: Sie taugt als Kompass für eine Welt, in der wir uns an große Versprechen längst gewöhnt und dabei oft enttäuscht haben. Shklar erinnerte uns daran, dass es schon viel ist, wenn Menschen ohne Grausamkeit leben dürfen – und dass es Aufgabe der Politik bleibt, aus Unglück nicht Ungerechtigkeit werden zu lassen.

Am Ende ihres Lebens – sie starb 1992 in Cambridge, Massachusetts – galt sie als die „große Skeptikerin“ der politischen Theorie. Wer ihre Texte heute liest, entdeckt nicht die Baupläne für eine ideale Gesellschaft, sondern etwas Bodenständigeres: eine Aufforderung zur Wachsamkeit. Ein anekdotischer Liberalismus, geboren aus den Bruchkanten des 20. Jahrhunderts. Und vielleicht gerade deshalb einer, der den Ernst des Menschlichen so ernst nimmt wie kaum ein anderer.

Für den Artikel ist der Verfasser verantwortlich, dem auch das Urheberrecht obliegt. Redaktionelle Inhalte von European-News-Agency können auf anderen Webseiten zitiert werden, wenn das Zitat maximal 5% des Gesamt-Textes ausmacht, als solches gekennzeichnet ist und die Quelle benannt (verlinkt) wird.
Zurück zur Übersicht
Photos und Events Photos und Events Photos und Events
Info.